Der Südkurier schreibt:

Manfred Spitzer: "Smartphones machen süchtig und dumm"

Rund 1000 Besucher lauschten am Dienstagabend im GZH gespannt den provokativen Thesen von Hirnforscher Manfred Spitzer. Etwa die Hälfte davon waren Schüler, also Digital Natives.

Bild:Ein so junges Publikum hat Professor Manfred Spitzer wohl selten. Rund 1000 Zuhörer lauschten am Dienstagabend im Graf-Zeppelin-Haus seinem Vortrag zum Thema "Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik", davon waren rund die Hälfte Oberstufenschüler der Bodensee-Schule und der Mädchenrealschule St. Elisabeth. Also "Digital Natives", eine Generation, die mit sozialen Netzwerken und Smartphones aufgewachsen ist und für die analog gleichbedeutend mit Schwarz-Weiß-Fernsehen ist.
Nun möchte man meinen, dass die kritischen, mahnenden, teilweise auch polemischen Worte eines 58-jährigen Hirnforschers ("Smartphones machen süchtig", "das digitale Klassenzimmer verdummt") bei dieser digitalen Generation nur gelangweiltes Gähnen auslösen oder gar Buh-Rufe provozieren. So war es aber nicht. Stattdessen zog Spitzer, der auf Einladung der Bodensee-Schule kam, die Jugendlichen, Eltern, Lehrer und Interessierte eineinhalb Stunden lang mit spannenden Schaubildern, Studienergebnissen und Thesen in den Bann. Dafür bekam er – auch zwischendurch – Kopfnicken und lauten Applaus. Dabei ist der Ulmer Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik, der gerne in Talkshows eingeladen wird, mehrere Bücher ("Cyberkrank", "Digitale Demenz") geschrieben hat und Managern wie Medizinstudenten Augen und Ohren öffnen will, höchst streitbar. Bei Spitzer ist immer so ein bisschen Weltuntergang. "Fernsehen macht dick und dumm", sagt er. "Smartphones machen süchtig und dumm", sagt er. "Digitale Geräte an Schulen führen zur Verdummung einer ganzen Generation", sagt er. Also: Weg mit dem Teufelszeug!
Doch ist das die Lösung? Facebook-Accounts und Whatsapp löschen und mit dem Smartphone ab in den Müll? "Wenn 85 Prozent der Kinder ein Smartphone haben und 15 Prozent nicht, dann muss ihr Kind halt mit diesen 15 Prozent auskommen", findet Spitzer. Zudem müssten Schulen eben ein Handy-Verbot einführen und damit auch aktiv etwas gegen Cybermobbing tun. Nur ist auch das – an den meisten Häfler Schulen jedenfalls – eben in der Realität nicht der Fall. Und die Ausbremser eines Verbots sind keinesfalls immer die Schüler, sondern auch die Eltern, die ihr Kind erreichen und manchmal wohl auch überwachen wollen und die Lehrer, denen im Lehrerzimmer Tresore fehlen, wo sie die hunderte Euro teuren Smartphones einschließen können.
Das Smartphone-Thema wird an der Bodensee-Schule seit einigen Jahren allerdings anders gehandhabt. "Die Schüler haben in einer Konferenz beschlossen, dass im Schulalltag ab Klasse 1 das 'Aus-und-Unsichtbar-Prinzip' gilt", erklärt Rektor Gerhard Schöll, "dann erst wurden Elternbeirat und Lehrer hinzugezogen." Seither gilt: Nur die Oberstufenschüler dürfen in einem begrenzten Aufenthaltsraum ihr Handy nutzen, alle anderen müssen darauf verzichten. Für die Schülerinnen Hannah Summerer (16) und Laura Stolecki (17) ist das in Ordnung so. "Klar, manchmal kommt man schon in Versuchung mal eine Whatsapp-Nachricht zu tippen, aber eigentlich geht das gut", sagt Summerer. Den Vortrag von Hirnforscher Spitzer fanden die beiden Elftklässlerinnen gut. "Man kann jetzt nicht sein Laptop und Smartphone wegschmeißen", findet Summerer. "Aber man kann das auch mal weglegen und sich nicht immer davon ablenken lassen", ergänzt Stolecki. Schließlich gebe es echt Wichtigeres im Leben.
Manfred Spitzer
1958 in Lengfeld geboren, Studium der Psychologie, Medizin und Philosophie an der Uni Freiburg, Habiliation in der Psychiatrie, Leitung der Psychiatrischen Uniklinik Heidelberg, seit 1997 Inhaber des Lehrstuhls der Psychiatrie der Uni Ulm – so sind die Eckdaten des bekannten Hirnforschers. Spitzer hat fünf Kinder, nach eigenen Angaben keinen Fernsehen und nutzt Computer lediglich zum E-Mails schreiben. Natürlich ist er auch nicht bei Facebook. Spitzer wurde von der Bodensee-Schule eingeladen, der Vortrag war gesponsort und für die Schüler kostenfrei.



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